Hintergrund zu Lernschwächen

Auf dieser Seite fassen wir Beschreibungen und Erklärungen zu Dyslexie und Dyskalkulie zusammen, die wir über die Jahre gesammelt haben und uns relevant erscheinen. Wir hoffen, dass diese Hinweise hilfreich sind und zu einem leichteren Umgang mit Lernschwächen beitragen können.

Wenn Buchstaben keinen Sinn ergeben

Mindestens jedes zehnte Kind leidet unter einer Lese-Rechtschreibstörung, auch Legasthenie oder LRS genannt. Diese tritt in verschiedenen Ausprägungen und Stärken auf. Die Hauptursache einer LRS liegt in der Gehirnentwicklung. Wenn bestimmte Kanäle, Verknüpfungen und Areale im menschlichen Gehirn noch zu wenig trainiert und ausgereift sind, ist die korrekte Aufnahme und Verarbeitung von Buchstaben und Wörtern beeinträchtigt oder gar unmöglich. Oft fällt das Zerlegen der Wörter in einzelne Laute schwer und deren Umsetzung in geschriebene Buchstaben ist fehleranfällig. Die Lese-Rechtschreibstörung hat jedoch nichts mit fehlender Intelligenz zu tun. Ganz im Gegenteil, verschiedene herausragende Wissenschaftler, wie etwas Albert Einstein, waren Legastheniker. Für die Entstehung der Legasthenie kann keine einzelne Ursache verantwortlich gemacht werden. Wie bei vielen anderen Lernproblemen sind die Ursachen vielfältig und individuell. Mehrere Faktoren können eine Entstehung begünstigen und müssen berücksichtigt werden.

Genetische Komponente
Oft wird beobachtet, dass die Legasthenie in manchen Familien vermehrt auftritt. Elternteile, Verwandte oder Geschwister leiden unter derselben Schwäche. Der genetische Einfluss ist erwiesen.

Neurologische Wahrnehmungsstörung
Die Zentren der Sprachverarbeitung im Gehirn sind in ihrer Funktion beeinträchtigt. Bei Kindern mit einer Legasthenie konnte eine Abweichung der Aktivierungsmuster im Schläfen- und Stirnlappen der linken Gehirnhälfte gefunden werden. Hirnzentren, welche für die Sprachverarbeitung zentral sind, arbeiten zu wenig synchron. Auch die Vernetzungen zur Seh- und Hörbahn hin sind weniger effizient. Ebenfalls können auditive und/oder visuelle Wahrnehmungsstörungen vorliegen oder Probleme bei der Blicksteuerung eine Legasthenie begünstigen.

Sprachentwicklungsverzögerung
Die meisten Spätsprecher holen ihren Rückstand bis zum vierten Lebensjahr auf. Bei den anderen kann das Nicht-Aufholen die Auswirkung einer Legasthenie sein.

Anzeichen von Dyslexie

Bei allen Kinder, die das Lesen und Schreiben lernen, entdecken wir am Anfang dieselben Fehler in unterschiedlicher Häufigkeit. Bei den meisten Kindern nehmen die Probleme jedoch nach kurzer Zeit ab und verschwinden schliesslich weitgehend. Kinder mit Dyslexie / LRS / Legasthenie machen wesentlich häufiger Fehler und die Probleme bleiben über lange Zeit erhalten. Auffällig ist die enorme Inkonstanz der Fehler: Oft ist es schwierig stabile Fehlerprofile zu ermitteln und es gibt keine bestimmte Systematik der auftretenden Fehler.

Folgende Anzeichen können darauf hindeuten, dass das Kind unter einer Legasthenie leidet:

Allgemeinbefinden

  • …hat Angst vor der Schule
  • …hat Angst vor Prüfungen
  • …hält sich für dumm
  • …zieht sich zurück
  • …hat extreme Misserfolgserwartungen
  • …zeigt Frust und Leistungsverweigerung auch in anderen Fächern
  • …hat geringes Selbstvertrauen
  • …hat psychosomatische Beschwerden (Bauchweh am Morgen)
  • …zeigt aggressives oder depressives Verhalten


Verhalten bei den Hausaufgaben

  • …braucht unverhältnismässig viel Zeit
  • …ermüdet schnell
  • …ist desorganisiert zuhause und in der Schule
  • …braucht viel Unterstützung
  • …will, dass die Eltern beim Lösen der Hausaufgaben dabei sind
  • …erkundigt sich oft, ob die Arbeit richtig erledigt wurde
  • …vergisst oft, was als Hausaufgabe zu machen ist
  • …bringt oft mündliche Anweisungen durcheinander
  • …hat das Gefühl auch nach noch so viel Üben nicht besser zu werden
  • …reagiert sensibel beim Üben, oft gibt es Streit oder Tränen


Auffällige Fehler bei der Rechtschreibung

  • …kann ähnliche Buchstabenformen schlecht voneinander unterscheiden
  • …kann schlecht Buchstaben den Lauten zuordnen (Phonemfehler)
  • …kann Wörter schlecht in die einzelnen Laute unterteilen
  • …lässt Buchstaben oder Teile des Wortes aus
  • …fügt Buchstaben oder Teile des Wortes hinzu
  • …vertauscht die Buchstabenreihenfolge innerhalb eines Wortes
  • …verdreht die Buchstaben (spiegelverkehrt)
  • …macht viele Gross-/Kleinschreibfehler
  • …hat Mühe sich an Rechtschreibregeln zu erinnern und diese anzuwenden
  • …schreibt das gleiche Wort in einem Text unterschiedlich und kann schlussendlich nicht sehen, dass diese Wörter unterschiedlich geschrieben sind oder welche Schreibweise richtig wäre
  • …macht auffallend viele Grammatikfehler
  • …hat Schwierigkeiten bei der Zeichensetzung («»/ ,/./?/!)
  • …verfügt oft über eine unleserliche Handschrift mit unterschiedlicher Schriftgrösse innerhalb eines Textes


Auffälligkeiten beim Lesen

  • …kann Wörter schlecht in Silben sprechen
  • …kann schlecht reimen
  • …kann Anfangs-, Mittel- und Endlaute schlecht erkennen
  • …verdreht Wörter oder Wortteile
  • …lässt Wörter oder Wortteile aus
  • …fügt Wörter oder Wortteile hinzu
  • …liest sehr langsam und stockend, macht oft längere Pausen zwischen den Wörtern
  • …überliest Satzzeichen, indem es keine Schnaufpause macht
  • …ersetzt Buchstaben, Silben und Wörter
  • …hat Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern
  • …verliert oft die Zeile im Text
  • …vertauscht Wörter im Satz
  • …vertauscht Buchstaben in den Wörtern
  • …hat Schwierigkeiten bei Doppellauten


Auffälligkeiten beim Lese-Sinnverständnis

  • …kann schriftliche Arbeitsanweisungen schlecht befolgen
  • …kann das Gelesene schlecht mit eigenen Worten wiedergeben
  • …hat Schwierigkeiten aus Gelesenem Schlüsse zu ziehen oder Zusammenhänge zu sehen
  • …hat Mühe bei Fragen zu Textinhalten. Oft gebraucht es sein Allgemeinwissen, um die Fragen zu beantworten, anstatt Antworten aus dem Inhalt des Gelesenen zu formulieren.

Wenn Zahlen und Mengen abstrakt bleiben

Verzählen und Verrechnen
Etwa 5 Prozent aller Kinder leiden an einer Rechenschwäche, auch Dyskalkulie genannt. Für sie sind Zahlen oft nichts als leere Worte. Sie können Zahlen weder einschätzen noch miteinander vergleichen und schon gar nicht mit ihnen rechnen. Diese Schwäche führt meist zu beträchtlichen schulischen und später auch beruflichen Nachteilen.

Unser Alltag verlangt überall mathematische Fähigkeiten. Köche müssen genaue Mengen einhalten, Schreinerinnen exakt messen, Ingenieure präzise berechnen. In jedem Beruf werden mehr oder weniger anspruchsvolle mathematische Fähigkeiten verlangt. Wer Schwierigkeiten im Rechnen hat, tut sich in der Schule schwer und erhält schlechte Prognosen für die berufliche Zukunft. Betroffene Kinder und ihre Eltern stehen unter enormem Druck, Mathematik auf Biegen und Brechen zu erlernen. Was zu Beginn der Schulzeit sehr vielen noch schwer fällt, bleibt für Kinder mit Rechenschwäche ein Leben lang qualvoll. Wird ein Kind mit angeborener Rechenschwäche trotz aufwändigem Einsatz der Eltern und des schulischen Umfelds nicht erfolgreich gefördert, bleiben ihm Unsicherheit und Entmutigung im Umgang mit Zahlen. Die bittere Enttäuschung, nicht mit den anderen Schülern mithalten zu können, führt oft gar zu einer Abneigung gegen alles, was mit Lernen zu tun hat.

Wenn das Gehirn nicht rechnen lernen will
In der Kindheit entwickeln und spezialisieren sich bestimmte Gehirnbereiche für das Verarbeiten von Zahlen und das mathematische Denken. Bei Kindern mit Dyskalkulie bleibt die Entwicklung dieser spezialisierten Gehirnfunktionen zurück.

Bereits Babys können unterschiedlich grosse Mengen voneinander unterscheiden. Diese Grundfähigkeit ermöglicht ein elementares Verständnis von Zahlen. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Kinder später eine wahrgenommene Anzahl von Objekten mit einem Zahlwort oder einer schriftlichen arabischen Zahl verknüpfen und eine Zahlenraumvorstellung entwickeln können. Wenn wir als Kinder erste Rechenaufgaben lösen, sind hauptsächlich unsere vorderen Gehirnregionen aktiv. Diese Regionen sind für das logische Denken zuständig, dort werden auch die Aufmerksamkeit und das Arbeitsgedächtnis gesteuert. Erst nach und nach spezialisieren sich durch Lernen und Erfahrung zusätzliche Regionen, insbesondere in den hinteren Hirnabschnitten. Sie übernehmen bestimmte Teilfunktionen und stellen gespeichertes Wissen zur Verfügung. Dadurch werden die vorderen Hirnregionen entlastet und es wird wieder Kapazität frei für das Bearbeiten komplexerer und schwierigerer Rechenaufgaben. Bei Kindern mit einer Rechenschwäche bleibt diese Spezialisierung der hinteren Gehirnregionen zurück. Während sie bei einer einfachen Aufgabe noch intensiv nachdenken und abzählen, wissen ihre Altersgenossen schon automatisch, wie das richtige Ergebnis lautet. Das denkende Abzählen ist für die vorderen Hirnregionen kraft- und zeitraubend und zudem auch fehleranfällig. Müssen immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit gelöst werden, sind die vorderen Hirnareale rasch überlastet. Die aus diesem Druck entstehende Angst verlangsamt das Denken zusätzlich. So bleibt immer weniger Kapazität übrig, um automatisiertes Wissen und Können in die hinteren Hirnregionen zu verlagern. Ein wahrer Teufelskreis!

Anzeichen einer Dyskalkulie

Nehmen Sie Anzeichen einer Rechenschwäche ernst. Alle Kinder haben zu Beginn der Schule hin und wieder Schwierigkeiten im Rechnen. Wenn die Probleme jedoch weder mit unterstützenden Hausaufgaben noch mit zahlreichen zusätzlichen Übungsstunden verschwinden, sollten Sie als Eltern oder Lehrperson wachsam sein. Vielleicht handelt es sich um eine Dyskalkulie.

Folgende Anzeichen können darauf hindeuten, dass das Kind unter einer Dyskalkulie leidet:

Allgemeinbefinden des Kindes

  • …hat Angst vor Prüfungen
  • …hat Angst vor der Schule
  • …hält sich für dumm
  • …zieht sich zurück
  • …hat extreme Misserfolgserwartungen
  • …zeigt Frust und Leistungsverweigerung auch in anderen Fächern


Verhalten bei den Hausaufgaben

  • …braucht unverhältnismässig viel Zeit
  • …ermüdet schnell
  • …muss sich auch bei einfachen Aufgaben sehr konzentrieren
  • …braucht viel Unterstützung
  • …will, dass die Eltern beim Lösen der Aufgaben dabei sind
  • …erkundigt sich nach jeder Rechnung, ob das Ergebnis stimmt
  • …vergisst oft, was als Hausaufgabe zu machen ist
  • …kann nicht erklären wie es gerechnet hat
  • …hat das Gefühl auch nach noch so viel Üben nicht besser zu werden
  • …reagiert sensibel beim Üben, oft gibt es Streit oder Tränen


Auffällige Rechenfehler in der Primarschule

  • …kann schlecht räumliche Beziehungen erfassen. Es verwechselt rechts/links, vorn/hinten, oben/unten.
  • …kann eine Menge im Verhältnis zu einer anderen schlecht einschätzen, z.B.: kleiner/grösser als, mehr oder weniger.
  • …kann sich hinter einer Zahl schlecht eine Menge oder Grösse vorstellen. Es merkt sich lediglich die Namen und die Reihenfolge der Zahlen.
  • …verwechselt Ziffern oder schreibt diese seitenverkehrt
  • …hat ungenaue Vorstellung von Wochen, Monaten und Jahren
  • …hat ein schlechtes Zeitgefühl, z.B. in 10 Minuten
  • …verdreht oft die Ziffern beim Verschriften einer gesprochenen Zahl, z.B. dreiundsiebzig = 37
  • …kann nicht gut eine Zahlenreihe rückwärts aufsagen, z.B. 20 bis 1
  • …rechnet fast immer mit den Fingern
  • …verwechselt Stellenwerte, z.B. 12/21,13/31
  • …rechnet bei aufeinander folgenden Aufgaben wie z.B. 6+2 und dann 6+3 immer wieder neu von Anfang an
  • …hat Mühe bei Zehnerübergängen
  • …verrechnet sich oft nur um eins, z.B. 7+5=13 / 12-8=5
  • …kann ähnliche Aufgaben nicht schnell erkennen, z.B. 6+2= und 16+2= und 60+20=
  • …rechnet im Kopf so lange und umständlich, dass es schlussendlich nicht mehr weiss, wie die Aufgabe gelautet hat
  • …hat grosse Mühe bei Platzhalteraufgaben, z.B. ? – 7=15
  • … möchte auch bei einfachen Rechnungen schriftlich rechnen
  • …verwechselt häufig „plus“, „minus“, „mal“ und „geteilt durch“
  • …sieht den Unterschied von 7-4= und 4-7= nicht
  • …sieht augenfällige Fehler nicht
  • …hat Probleme mit Uhrzeiten, Gewichtangaben oder anderen Massangaben
  • …vertauscht Stellen, um einfacher rechnen zu können z.B. 63-25=42
  • …blockiert, wenn es Textaufgaben lösen muss
  • …sieht den Unterschied bei Geld schlecht, z.B. 50 Rappen oder 5 Franken
  • …hat grundsätzlich Mühe im Umgang mit Geld, z.B. Wechselgeld geben


Auffällige Rechenfehler in der Oberstufe

  • …braucht viel Zeit, da bei Addition und Subtraktion immer noch gezählt wird
  • …vergisst Erklärungen sehr schnell wieder
  • …kann Textaufgaben viel schlechter lösen als andere Rechnungen
  • …entscheidet sich bei Textaufgaben meistens willkürlich für eine Operation
  • …hat Mühe mit Platzhalteraufgaben, z.B. ? – 8=13 oder diese werden falsch gelöst z.B. 5-8=13
  • …löst auch einfache Additionen und Subtraktionen im 100er Raum schriftlich
  • …zählt beim 1×1 die Reihen immer wieder ganz von Anfang
  • …sieht nicht, dass Rechnungen komplett nicht stimmen können
  • …hat grosse Mühe bei Zehnerübergängen
  • …macht viele Fehler bei Subtraktionen
  • …kann mit Grössen schlecht umgehen (Gewicht, Länge, Zeit)
  • …kann schlecht mit Geld rechnen
  • …wendet Erklärungen mechanisch an, vergisst sie aber bald wieder
  • …vertauscht Stellen, damit kein Zehnerübergang notwendig ist z.B. 234-36=202
  • …lernt bei Einmaleins-Aufgaben nur mechanisch auswendig. Es versteht die Logik nicht. (Es weiss, dass 5×5=25 gibt, bei 6×5 rechnet es die 5er Reihe aber erneut von Anfang an.)
  • …empfindet die Rechnungen 6:3= und 3:6= als gleich
  • …kann den Zusammenhang von Plus, Minus oder Mal rechnen nicht gut erklären
  • …kann sehr schlecht schätzen, wie viel das Resultat in etwa gibt
  • …hat grosse Mühe bei schriftlicher Division
  • …versteht die Regeln beim Bruchrechnen nicht oder vertauscht sie immer wieder
  • …kennt die Bedeutung des Kommas bei Dezimalbrüchen nicht und rechnet deshalb z.B. 1,6 + 1,6 = 2,12
  • …verzweifelt im Umgang mit Gleichungen